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Thinkpad
Installation und Vortrag als Beitrag zur Veranstaltungsreihe "Ephemeriden", in Zusammenarbeit mit Robert Salzmann (Isopublic, Gallup), Projektraum Hohlstrasse
Zürich 1994

Ausganspunkt der Arbeit ist die in den Medien aufgetauchte Notiz, dass Gallup international sich zum Ziel setzt, im Jahre 2000 innerhalb von 24 Stunden die Hälfte der Weltbevölkerung nach ihrer Meinung befragen zu können. Thematische Motive der 24-stündigen Aktion sind demnach Statistik, Meinungsforschung, gesellschaftliche Feed-Back-Funktionen und die Entstehung von kollektiven Bildern.
Über eine zentral im Raum installierte Laufschrift laufen aktuelle statistische Angaben aus Zeitungen und Medien zu verschiedensten Sachfragen: Daten über die Geburtsraten in China, Umsätze von Firmen, Angaben über die Anzahl der in Bosnien verschleppten Kinder etc.. Die Zahlen sind erstaunlich, erschreckend oder sie liegen im Bereich des Erwarteten, je nach Thema und je nach subjektiver Gewichtung. An der gegenüberliegenden Wand sind 41 Abbildungen aus einem Lehrbuch über psychologische Diagnostik in der Umfrageforschung ausgestellt. Besucher können an einem Wettbewerb teilnehmen, die Schätzfrage lautet: An wie vielen Tagen hat es zwischen dem 1. Mai 1993 und dem 30. April 1994 in Zürich geregnet oder geschneit? und zu gewinnen sind die drei über der Bar ausgestellten kleinen Arbeiten, in welchen ebenfalls statistische und demografische Motive auftauchen. Um 20.15 Uhr findet ein Vortrag mit einem Vertreter einer auf Meinungsumfragen spezialisierten Firma statt. Er berichtet über die im Zusammenhang mit repräsentativen Umfragen praktizierten Methoden, demonstriert aktuelle Beispiele und beantwortet anschliessend Fragen aus dem Publikum. Im Anschluss daran ist Barbetrieb und am Buffet wird ein Imbiss angeboten.
Meine künstlerische Grundkonzeption basiert wesentlich auf der Idee, dass jede Form von Darstellung, Erscheinung und Ausdruck vorübergehend gültige, gesellschaftliche Konvention ist und als solche im Rahmen der kulturellen Evolution laufend neu definiert werden muss. Ein Blick auf die Entwicklung der Kunst zeigt, dass auch hier immer wieder Modelle der Wahrnehmung und der Sinnstiftung entwickelt wurden, welche sich kurze Zeit später als gültige und durchaus mehrheitsfähige Beschreibungen der individuellen und kollektiven Realität durchgesetzt haben. Kunst greift somit auf ihre Weise in den Prozess ein, in welchem die individuellen Bilder von subjektiver Welt über Rituale der Bedeutungsbildung synchronisiert werden und so die Vorstellung der sozialen, sozusagen gemeinsam benutzten Welt generiert wird.
Klar, dass aus der Sicht einer Arbeit, welche sich bemüht, das Zustandekommen von kollektiven Bildern aufzuklären, der stetige Strom scheinbar objektiver Informationen über den Zustand der Welt, suspekt ist und dass daher immer wieder auf seine relative Gültigkeit hingewiesen wird. Gleichzeitig aber bleibt die riesige Diskrepanz zwischen individuellem Empfinden (auch Freiheit und Kreativität) und gesellschaftlichen Konventionen (etwa Moral und Ethik) als eine Art Grunddynamik kultureller Evolution unüberwindbar.

©psp 2000